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"Auf ein Wort" mit Oberbürgermeister Klemens Koschig

 

Messerattacke wühlt Emotionen auf  -
Besonnenheit verhindert mögliche neue Gewalt

 

Oberbürgermeister Klemens Koschig Liebe Leserinnen,
liebe Leser,

 

so ist der Lauf der Welt. Da haben wir einen wunderschönen Neujahrsempfang erlebt, auf dem uns unsere Anhaltische Philharmonie mit dem rechten Schwung ins neue Jahr begleitete, und was durften wir am nächsten Morgen in der Zeitung lesen? Seiten füllte die Berichterstattung über den Polizeieinsatz bei der alljährlich am Todestage von Oury Jalloh stattfindenden Demonstration, so dass für den Neujahrsempfang und das umjubelte Konzert nur wenig Platz blieb.

Während noch über den Wechsel bei der Strategie der Polizei gerätselt wurde, der  Innenausschuss des Landtages beschäftigt sich mit der Angelegenheit, bewegt nun ein völlig anderes Ereignis die Gemüter in Stadt und Land. Ein junger Mann kam am 16. Januar 2012 einem Mitbürger zu Hilfe, der von einem Dritten angegriffen und bedrängt wurde. Diese Zivilcourage, die unseren großen Respekt und Anerkennung verdient, hätte er fast mit seinem Leben bezahlen müssen. Am hellerlichten Tag, mitten in der Innenstadt von Dessau wurde er Opfer einer lebensbedrohlichen Messerattacke.

André Schubert hatte viel Glück und offenbar ein ganzes Bataillon von Schutzengeln. Er überlebte und sieht seiner Genesung entgegen. Hoffen wir, dass auch keine bleibenden Schäden zurückbleiben. So begleiten ihn und seine Familie alle unsere guten Wünsche. Auch von dieser Stelle aus möchte ich ihm nochmals auf das herzlichste für sein beherztes Eintreten für seinen Mitmenschen in Not danken. Danken möchte ich auch den Helfern, die versuchten, ihm erste Hilfe zu leisten und natürlich auch den Ärzten und Krankenschwestern im Städtischen Klinikum, die ihr Bestes gaben und das Leben des jungen Fußballers von der ASG Vorwärts Dessau retteten.

Viele Bürgerinnen und Bürger  bangten um das  Leben des jungen Mannes, wollten ihrem Mitgefühl Ausdruck verleihen und trafen sich spontan am  Tatort und demonstrierten dann friedlich durch unsere Stadt. Leider hatten sich auch einige Unverbesserliche darunter gemischt, die fremdenfeindliche Parolen riefen und gegen die nun auch ermittelt wird. Es gelang den Demonstranten schließlich, diese Rufe zum Verstummen zu bringen, für mich Zeichen, dass es um die Solidarität und das Mitgefühl mit dem Opfer und nicht um politische Bekenntnisse ging.

Doch in den darauffolgenden Tagen stand zunehmend im Vordergrund, dass es sich um Opfer und Täter unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Hautfarbe handelte. Plötzlich drohte es zu einem Konflikt extrem rechter und extrem linker Politik zu werden. Die Gefühlslage war angespannt, auch vor dem Hintergrund des Polizeieinsatzes vom 7. Januar 2012, dessen Schatten noch immer über den darauffolgenden Ereignissen lag. Unsere Stadt zog überregional die Aufmerksamkeit auf sich und nicht wenige befürchteten in dieser Gemengelage Schlimmes, sprich ein Entladen politischer Gewalt. Diese Befürchtungen erhöhten sich zusätzlich nach dem Brandanschlag auf das Polizeirevier in der Wolfgangstraße in den Morgenstunden des 18. Januar 2012.

Alle im Netzwerk "Gelebte Demokratie" vertretenen gesellschaftlichen Institutionen und Gruppen verständigten sich darauf, gemeinsam auf ursprünglich angemeldete Kundgebungen und Demonstrationen zu verzichten, um die schwierige Situation nicht noch mehr anzuheizen.

Auch dabei gebührt wieder  André Schubert unser besonderer Dank. Via Internet bedankte er sich für das öffentlich erwiesene Mitgefühl, ließ aber zugleich wissen, dass weitere öffentliche Aktionen nicht von ihm gewünscht würden. Es war das richtige Signal in einer von Emotionen getragenen Situation und es war um so bemerkenswerter, dass dieses Zeichen von ihm kam. Alle für Samstag, den 22. Januar angemeldeten Veranstaltungen wurden abgesagt.

Für die Besonnenheit des Opfers, aber auch für die Besonnenheit der anderen, die sich zurücknahmen, möchte ich mich ausdrücklich bedanken. Es gibt aber die Möglichkeit, öffentlich zu signalisieren, dass man mit dem Opfer fühlt und gegen Gewalt eintritt: mit einer kleinen grünen Schleife an der Kleidung, wie sie vom Runden Tisch der Religionen als "grünes Band der Hoffnung" ins Leben gerufen wurde.

Diesem Aufruf folgten Freunde aus der Facebook-Gemeinde nicht und machten von ihrem Grundrecht auf Versammlungsrecht Gebrauch. Polizei und Versammlungsbehörde sicherten dies auch ab. Aber leider mischten sich Personen aus der rechtsextremen Szene unter die Versammelten. Einer von ihnen meldete dann sogar die Demonstration an, ließ vor dem Bahnhof "die Katze aus dem Sack", was sicherlich alle anderen nicht gewollt hatten. Denn das kann unsere Stadt nun wahrlich nicht gebrauchen.

Möge diese kleine grüne Schleife  in den nächsten Wochen und Monaten ein Zeichen für Gewaltfreiheit und eine Kultur des Dialogs in der Öffentlichkeit setzen. Möge sich auch für unsere Polizei wieder der Alltag einstellen. Er ist schon schwer genug.

Liebe Leserinnen und Leser,

abschließend sei mir ein persönliches Wort des Dankes erlaubt all jenen, die mir zum Geburtstag gratuliert haben. Sie machten mir Mut, mich auch weiterhin an vorderster Stelle für unsere Doppelstadt Dessau-Roßlau und ihre Bürger und Vereine einzusetzen. Es ist wohltuend und ermutigend,Sie an meiner Seite zu wissen.

So wünsche ich mir, dass Sie gern Bürger dieser Stadt sind und gern in ihr wohnen und bitte Sie auch in diesem Jahr um Ihr engagiertes Mittun, dass dieser Jahrgang wiederum ein guter und erfolgreicher für unsere Stadt und das 800-jährige Anhalt wird.

Einladen möchte ich Sie, die vielfältigen Veranstaltungen unserer Karnevalisten zu besuchen und sich von der Heiterkeit und dem närrischen Treiben mitreißen zu lassen. Treffen wir uns auf der friedlichsten und fröhlichsten Demo in unserer Stadt, zum 15. Karnevalsumzug am 19. Februar 2012.

Herzliche Grüße

Ihr

 

Klemens Koschig


ob@dessau-rosslau.de

 

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